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Die Gedenk- und Erinnerungslandschaft am Purkersdorfer Friedhof

Die Entwicklung eines Vorzeigeprojekts

Dr. Christian Matzka

Rundschau – Stadtzeitung für Purkersdorf 4 (2014) 20 – 21.  

Die am Purkersdorfer Friedhof entstandene Gedenk- und Erinnerungslandschaft hat eine lange, besonders in den letzten zehn Jahren, bemerkenswerte Entwicklung, die auch über Purkersdorf hinaus Beachtung findet. In dem Schulbuch Zeitenblicke 4 (Vocelka, Scheichl & Matzka 2011), das für den Unterricht in Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung in der  achten Schulstufe  in Österreich approbiert ist, werden die Purkersdorfer Gedenkstätten als Fallbeispiel einer neuen Erinnerungskultur angeführt. In der Purkersdorfer lokalen Presse werden diese Entwicklungen als Vorbild für den Wiener Heldenplatz gewertet (Baum 2014).

Begonnen hat die Entwicklung mit der Errichtung des Denkmales für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges im Jahre 1923 in der Wienerstraße. An der Stelle steht heute der Fridolin – Brunnen. Im Zuge der Umbauten im Stadtzentrum erfolgte  im Jahre 1989 die Transferierung in den Schlosspark und zwanzig Jahre später die Versetzung auf den Friedhof (Schlintner 2003).

Der Friedhof für die sowjetischen Soldaten entstand in den Jahren 1946 – 1947. Die bei der Befreiung von Österreich gefallenen Soldaten wurden aus der ganzen Umgebung in Purkersdorf bestattet. Die genaue Anzahl ist schwer zu bestimmen (Schlintner 2003). Purkersdorf wurde von den Soldaten der Roten Armee in der Nacht vom 5. zum 6. April 1945 befreit. Purkersdorf war in der Schlacht um Wien heftig umkämpft (Rauchensteiner 1984). Durch die Propaganda der Nationalsozialisten und auch Berichten vieler Männer von den Verbrechen von SS und Wehrmacht in der Sowjetunion war die Angst vor den anrückenden Soldaten dementsprechend groß. Doch erwiesen sich viele der sowjetischen Soldaten als sehr kinderfreundlich und verhielten sich auch korrekt. Leider gab es aber auch bedauerliche Übergriffe auf die Zivilbevölkerung (Karner & Stelzl –Marx 2005, Herzog-Löw o. J.). Im Jahre 2005 erfolgten die Renovierung und die Weihe unter Beisein des Botschafters der Russischen Föderation Stanislav Ossadtschij (Arnberger & Kuretsidis-Haider 2011).

Das Denkmal für die Opfer des Jahres 1945 aus dem Jahre 1949 gestaltete der  Purkersdorfer Bildhauer Josef Humplik. Die Inschrift stammt von Hildegard Jone. Daneben erfolgte die Errichtung der Tafeln für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges (Schlintner 2003). Dieses Denkmal ist noch historisch zu bearbeiten, da es sich um eine Vermischung der zivilen Kriegsopfer 1945, der Selbstmorde und Kindermorde im April 1945 und der Toten der Wehrmacht und der SS der Jahre 1939 bis 1945 handelt (ÖKB 1995). Dabei sollte bedacht werden, dass die SS und auch die Mitglieder der Wehrmacht Verbrechen begangen haben und Teilnehmer eines verbrecherischen Angriffskrieges waren.  

Das Denkmal für die vertriebenen Brünner Deutschen errichtete der Heimatverband der Brünner die „Bruna“ im Jahre 1976 auf dem Massengrab der 182 im Purkersdorfer Sanatorium verstorbenen Menschen (www.bruenn.org).

Den Holocaust Gedenkstein errichtete die Stadtgemeinde Purkersdorf im Jahre 2005. Schon im Schuljahr 2002/2003 nahmen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Purkersdorf an dem Projekt „A Letter To The Stars“ teil. Dabei wurde wichtige Vorarbeit für die Errichtung der Gedenkstätte geleistet (Worm et al. 2003). Die Namen der Purkersdorfer Holocaustopfer sind der Datei der mehr als 63 000 österreichischen Holocaustopfer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes entnommen (http://www.doew.at/personensuche). Gleich im März 1938 begann auch in Purkersdorf unter Beteiligung der Bevölkerung die Verfolgung und Arisierung. Das Denkmal ist Mahnung und Auftrag für die Zukunft, jeder Art von Diskriminierung und Verfolgung sofort entgegen zu treten (Matzka 2005a).

Den Ort der Erinnerung gestaltete der Stadtverschönerungsverein für Menschen die trauern. Im Zuge der Errichtung des Weges der Versöhnung erfolgte die Verlegung im Jahre 2014 in den Bereich der Gedenkstätten.    

Seit mehr als zehn Jahren wird in Purkersdorf eine zukunftsorientierte Erinnerungskultur angedacht. Der traditionelle Friedhofsgang zu Allerheiligen, wo Kränze an den Denkmälern der Gefallenen des ersten und zweiten Weltkrieges, aber auch bei den Gräbern der sowjetischen Soldaten von Stadtgemeinde, Kameradschaftsbund, Feuerwehr, Rotes Kreuz und Arbeiter Samariterbund niedergelegt werden, braucht eine Erweiterung durch die Beachtung der weiteren Gedenkstätten. Die Purkersdorfer Tradition bezieht seit vielen Jahren die Gräber der Befreier und Besatzer der Roten Armee mit ein. Dies ist ein Zeichen dafür, dass in Purkersdorf schon lange Zeit eine weitergedachte Erinnerungskultur besteht. Bemerkenswert ist auch, dass alle Denkmäler zum Gedenken an die Opfer errichtet wurden. Gab es denn in Purkersdorf keine Täter? Da muss, speziell beim Denkmal für die Opfer 1939 – 1945, weiter nachgedacht werden (Bastel, Matzka & Miklas 2010, Matzka 2014).

Die Veranstaltung Purkersdorf denkt nach 1945 – 1955 im Jahre 2005, mit einer Ausstellung, einer Podiumsdiskussion mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, der Enthüllung des Holocaustgedenksteines und der Weihe des sowjetischen Soldatenfriedhofes, steht am Beginn  einer grundlegenden Neubetrachtung der Purkersdorfer Geschichte und der Erinnerung vor Ort (Stadtgemeinde 2005, Matzka 2005b).

Die Forderung nach einer neuen Erinnerungskultur, die alle Denkmäler miteinbezieht (Matzka 2008, Matzka 2009), die keine Schuldaufrechnung, keine Opferkonkurrenz, aber eine Inklusivität der Erinnerung und eine gemeinsame statt eine trennende Erinnerung einmahnt (Assmann 2007), konnte bei den Veranstaltungen „Lichter für den Frieden“ im November 2009  (Stadtgemeinde 2009) und bei der Eröffnung des „Weges der Versöhnung“ am Nationalfeiertag des Jahres 2014 (http://www.purkersdorf-online.at/http/verschoenerung) umgesetzt werden.  

Der Weg der Versöhnung, errichtet vom Stadtverschönerungsverein unter Dr. Erich Liehr in Zusammenarbeit mit der Stadtgemeinde Purkersdorf (Bürgermeister Mag. Karl Schlögl, Vizebürgermeister Dr. Christian Matzka, Stadtrat Viktor Weinzinger) im Jahre 2014, verbindet die Purkersdorfer Gedenkstätten und schafft so eine einheitliche Erinnerungs- und Gedenkstättenlandschaft.  Im Rahmen des Friedhofsganges zu Allerheiligen 2014, wo der neue Weg der Versöhnung begangen wurde, bezog Stadtpfarrer Dr. Markus König das Holocaustopferdenkmal in seine Gedenk- und Versöhnungsworte mit ein und schuf so eine neue Tradition für den Friedhofsgang zu Allerheiligen.    

Literaturhinweise

Arnberger, H. &  Kuretsidis-Haider, C. (Hrsg.) (2011), Gedenken und Mahnen in Niederösterreich, Mandelbaum: Wien.

Assmann, A. (2007), Der lange Schatten der Vergangenheit, Bundeszentrale für Politische Bildung: Bonn.

Bastel, H., Matzka, C. & Miklas, H. (2010), Holocaust Education in Austria: A (hi)story of complexity and ambivalence, in: Prospects 1, 57 – 73.

Bastel, H., Matzka, C. &  Miklas, H. (2011), Holocaust und das Recht auf Bildung, in: Dangl, O. & Schrei, T. (Hrsg.), Bildungsrecht für alle? LIT-Verlag: Wien/Berlin, 219 – 239. (= Schriften der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems Band 4)

Baum, J. (2014), „Ort der Erinnerung“ am Friedhof würdevoll neu gestaltet, in: Purkersdorfer Informationen 4, 7.

Herzog-Löw, R. (Hrsg.) (o.J.), So haben wir uns halt durchgeschlagen, Bibliothek der Provinz: Weitra.

Karner, S. & Stelzl-Marx, B. (Hrsg.) (2005), Die Rote Armee in Österreich, Oldenbourg: Graz/Wien/München.

Matzka, C. (2004), Die Ausstellung „Deutsche Literatur im Exil“ – Vergangenheit in Purkersdorf, in: rundschau -  Stadtzeitung für Purkersdorf 5, 6.

Matzka, C. (2005a), Der Gedenkstein für die Purkersdorfer Holocaustopfer, in: rundschau - Stadtzeitung für Purkersdorf 7, 7.

Matzka, C. (2005b), Die Ausstellung „Purkersdorf denkt nach 1945 – 1955“, in: rundschau - Stadtzeitung für Purkersdorf  7, 8.

Matzka, C. (2008), Gedenken – Denkmäler in Purkersdorf, in. rundschau - Stadtzeitung für Purkersdorf 4, 8.

Matzka, C. (2009), Die Gedenkstätten am Purkersdorfer Friedhof als Teil einer europäischen Erinnerungskultur, in: rundschau - Stadtzeitung für Purkersdorf 6, 11- 12.

Matzka, C. (2014),  Gedenkstätten im historischen Kontext – Beispiele einer gesellschaftspolitischen Spurensuche, in: Bastel, H. & Halbmayr, B. (Hrsg.), Mauthausen im Unterricht. Ein Gedenkstättenbesuch und seine vielfältigen Herausforderungen, LIT-Verlag: Wien/Berlin, 27 – 46. (= Schriften der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems Band 7)

Österreichischer Kameradschaftsbund (ÖKB) (1995), Zum Gedenken an die Opfer des zweiten Weltkriegs 1939 – 1945, ÖKB Stadtverband Purkersdorf: Purkersdorf.

Rauchensteiner, M. (1984), Der Krieg in Österreich 1945, ÖBV: Wien.

Schlinter, K. (2003), Stichwort Purkersdorf. Die Wienerwaldstadt von A – Z, Stadtgemeinde Purkersdorf: Purkersdorf.

Stadtgemeinde Purkersdorf (2005), Amtsblatt 367.

Stadtgemeinde Purkersdorf (2009), Amtsblatt 410.

Vocelka, K., Scheichl, A. & Matzka, C. (2011), Zeitenblicke 4, Dorner: Wien.

Worm, A.  et. al. (2003), A Letter To The Stars – Briefe in den Himmel, Verein Lernen aus der Zeitgeschichte: Wien.

 

www.bruenn.org (Zugriff 19. 11. 2014)

http://www.doew.at/personensuche  (Zugriff 21. 11. 2014)

 http://www.purkersdorf-online.at/http/verschoenerung  (Zugriff 19. 11. 2014)


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